Die Entwicklungsgeschichte des Shinto
Von der geschichtlichen Bedeutung des japanischen Buddhismus zeugen nicht nur die bekannten historischen Fakten aus der Nara Zeit (8. Jh.), in der der Buddhismus quasi zur Staatsreligion erhoben wurde, auch die meisten vormodernen literarischen und bildnerischen Quellen lassen erkennen, dass die religiöse Kultur dieses Landes überwiegend vom Buddhismus geprägt war. Einheimische Götter (kami) existierten zwar auch nach der Übernahme des Buddhismus in der japanischen Vorstellungswelt weiter fort, bekamen aber neben Gottheiten aus Indien, China und Korea einen festen Platz innerhalb des buddhistischen Universums. Wie steht "Shinto" mit diesem Mix an Glaubens- und Praxisformen in Beziehung? Welche Ursachen führten dazu, dass man heute von zwei Hauptreligionen in Japan, Buddhismus und Shinto, spricht? Gab es - bzw. wann gab es - ein Bewusstsein von Shinto als eigener Religionsform? Gab es Reflexionen über die möglichen Widersprüche einheimischer und fremdländischer Glaubensformen? Gab es religiöse Konflikte zwischen Buddhismus und Shinto? Diese übergeordneten Fragen werden in Form spezifischer Einzelstudien von verschiedenen Blickwinkeln aus thematisiert.
Hachiman - Metamorphosen einer japanischen Gottheit
Holzskultur, um 890.
Nara, Yakushiji
Die Gottheit Hachiman ist erstmals im frühen achten Jahrhundert als lokale Gottheit in Kyūshū, der südlichsten japanischen Hauptinsel, fassbar. Anlässlich der Errichtung des Tōdaiji in Nara (bekannt für seine Kolossalstatue des Vairocana Buddha) wird Hachiman um 750 als Schutzgottheit dieses buddhistischen Tempels eingesetzt und erhält einen Zweigschrein neben dem Tempel. Damit beginnt Hachimans rascher Aufstieg zu einer der populärsten Gottheiten Japans. Er figuriert u.a. als Ahnengott des Kaiserhauses, als prophetische Gottheit, die in Orakeln Ratschläge erteilt, als "Großer Bodhisattva", als Schutz- und Ahnengott der Minamoto Shōgune und damit des gesamten Kriegerstandes, als Schirmherr der japanischen Piraten (wakō), als „Kriegsgott Japans“, aber auch als lokale Dorfgottheit. Heute sind über 20.000 Schreine – und damit etwa jeder vierte Shinto Schrein – Hachiman geweiht. Dennoch hat sich die westliche Forschung bislang noch kaum systematisch mit dieser Gottheit beschäftigt. Dies liegt zweifellos an der unklaren Herkunft und der "synkretistischen" Natur Hachimans, der vor allem vom frühen japanischen Buddhismus stark instrumentalisiert wurde, letztlich aber weder dem Buddhismus noch dem Shinto eindeutig zugeordnet werden kann. In dem Forschungsprojekt soll versucht werden, die widersprüchlichen Aspekte Hachimans analytisch zu trennen, mit verschiedenen religiösen und sozialen Gruppierungen in Beziehung zu bringen und sowohl in ihrer diachronen Abfolge als auch in ihrem synchronen Zusammenwirken darzustellen. Dabei sollen historiographische, literarische und bildnerische Quellen untersucht werden. Zeitlich wird sich das Forschungsprojekt über die gesamte japanische Vormoderne (bis 1868) erstrecken, der Schwerpunkt wird jedoch voraussichtlich auf dem Legendenmaterial des japanischen Mittelalters liegen.
Die Entwicklung des Yoshida Shinto
Das Projekt untersucht die oben angesprochenen Fragen zur Geschichte des Shinto anhand des im 15. Jh. entstandenen Yoshida Shinto. Ideengeschichtlich ist der Yoshida Shinto vor allem deshalb interessant, weil er zum ersten Mal ein kohärentes System von Dogmen und Ritualen entwickelte, das sich selbst als „Shinto“ bezeichnete und damit seine Eigenständigkeit gegenüber dem Buddhismus hervorstrich. Der "Eine und Einzige Weg der Götter" (Yuiitsu Shinto) war einer der programmatischen Eigennamen dieser Richtung. Zugleich konnte sich jedoch auch der Yoshida Shinto der gängigen Überzeugung nicht entziehen, dass alle religiösen und philosophischen Systeme Asiens letztlich eins wären, d.h. aus dem gleichen Geist entstanden sind. Die Lehre des Yoshida Shinto steht daher im Spannungsfeld zwischen rhetorischer Dogmatik und faktischer Toleranz, wobei erstere angestrebt und letztere verwirklicht wurde. Aus heutiger Sicht stellt der Yoshida Shinto ein wichtiges Bindeglied zwischen der dominanten buddhistischen Weltsicht des Mittelalters und dem Aufkommen des „Reinen Shinto“ in der Edo-Zeit dar.
Veröffentlichungen:
- Bernhard Scheid, Der Eine und Einzige Weg der Götter: Yoshida Kanetomo und die Erfindung des Shinto. (2001)
- Mark Teeuwen und Bernhard Scheid (ed), Tracing Shinto in the History of Kami Worship. (2002)
Shintoforschung und Nationalismus
Wie allgemein bekannt, wurde Shinto mit dem Beginn des modernen japanischen Nationalstaats zur japanischen Staatsreligion erhoben. Beinahe ebenso bekannt ist die Tatsache, dass Shinto offiziell nicht als "Religion," sondern als "nationaler Kult" angesehen wurde. Dies führte nicht nur auf populärer Ebene, sondern auch innerhalb der Wissenschaften zu einem verwirrenden Bild, das nach wie vor Fragen offen hält: Auf welche Weise nahmen japanische und internationale Forscher an der Konzeption des Shinto im Rahmen des japanischen Nationlismus teil, bzw. wie reagierten sie darauf? Inwiefern prägten die Nationalismen anderer Staaten (v.a. Deutschlands) das Bild des Shinto? Welchen Einfluss hatte der Staatsshinto auf die Shinto-Forschung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg?
Zu diesen Fragen fand 2007 ein internationales Symposium statt, dessen Beiträge derzeit zur Publikation vorbereitet werden.
Shinto und esoterischer Buddhismus
Seit Kuroda Toshio seine These vom kenmitsu taisei, dem System exoterischer und esoterischer Lehren, als dem dominanten Diskurs des japanischen Mittelalters formulierte, wird dem "esoterischen" Teil dieses Systems, also dem esoterischen Buddhismus (auch tantrischer Buddhismus oder Vajrayana) in Japan mehr und mehr Aufmerksamkeit seitens der Forschung zuteil. Esoterische Lehre ist die gängige Übersetzung für japanisch mikkyō (chin. mijiao), was wörtlich nichts anderes als "geheime Lehre" bedeutet. In diesem Projekt ging es darum, was das Geheime der "geheimen Lehre" eigentlich sei und wie es als Prinzip der kulturellen Kommunikation nicht nur innerhalb des Buddhismus, sondern auch im Glauben an die einheimischen kami und in außerreligiösen gesellschaftlichen Diskursen wirksam war. Zur Diskussion dieser Fragen wurde 2004 ein internationales Symposium veranstaltet, dessen Ergebnisse in dem Band The Culture of Secrecy in Japanese Religion erschienen.
Veröffentlichungen:
- Bernhard Scheid und Mark Teeuwen (ed), The Culture of Secrecy in Japanese Religion. (2006)